Gedanken zur Lektüre von John Perkins: „Bekenntnisse eines Economic Hit Man“
Das Jahr 2026 begann mit einem Paukenschlag: US-amerikanische Streitkräfte bombardierten die venezoelanische Hauptstadt Caracas und entführten den Präsidenten Maduro mitsamt seiner Frau. Die Aktion lässt zurück denken an die Ära gewaltsamer Regime Changes in Lateinamerika im vergangenen Jahrhundert. Das bekannteste Opfer ist vielleicht der chilenische Präsident Salvador Allende, dessen Entmachtung dem brutalen Diktator Augusto Pinochet den Weg ebnete.
Die Ereignisse in Venezuela waren für mich der Anlass, ein Buch wieder hervorzuholen, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte und das die Versuche eines Konglomerats aus Banken, Großkonzernen und der US-Regierung, die Welt nach den Profitinteressen von US-Unternehemen zu formen aus der Insiderperspektive beleuchtet. John Perkins war ein „Economic Hit Man“, wie er in seinem Buch „Bekenntnisse eines Economic Hit Man1“ gesteht.
Das autobiographische Buch lässt sich leicht lesen und ist richtig spannend. Tatsächlich hatte ihm ein Verleger vorgeschlagen, einen Roman daraus zu machen, weil der Stoff als Sachbuch zu brisant sei. Perkins beschreibt seinen Werdegang zu etwas, das man vielleicht als einen Geheimagenten einer skrupellosen Wirtschaftsmafia bezeichnen könnte, der es nur um Profit und Macht geht.
Mit Hilfe geschönter Prognosen war es Perkins Aufgabe, Entwicklungsländer dazu zu bringen, kreditfinanzierte Infrastrukturprojekte in Angriff zu nehmen, die absichtlich so konzipiert waren, dass sie den Ländern Schulden aufbürdeten, die sie niemals zurückzahlen könnten. Die durch Zinsen ständig wachsenden Schulden würden sie auf Dauer von den USA abhängig machen und sie zwingen, zu tun, was diese verlangten. Die Kreditsumme hingegen würde nahezu vollständig dazu genutzt, US-Unternehemen zu bezahlen, die die Projekte durchführten.Eben jene Unternehmen, die die Economic Hit Men geschickt hatten. Auch einige Angehörige der lokalen Eliten würden profitieren, die normale Bevölkerung hingegen würde trotz ihrer Armut für die aussichtslose Rückzahlung der Schulden aufkommen müssen.
Bei der Lektüre des Buches wurde mir klar, wie sehr das Schicksal ganzer Länder und Völker, der Fortbestand ganzer Ökosysteme und letztlich die Zukunft des Planeten von den Entscheidungen einiger weniger Individuen abhängt, seien sie nun durch Erbschaft, Beziehungen, Gewalt oder Wahlen in ihre Position gelangt. Diese Individuen sind das ideale Ziel für die Korporatokratie2, wie Perkins es nennt.
Leute wie Perkins und seine Kollegen, angestellt bei privaten Firmen, mussten nur wenige Entscheidungsträger überzeugen, wobei es oft sicher hilfreich war, dass diese Entscheidungsträger persönlich von den Investitionen in ihre Länder profitieren würden. Ein utopisch hoch berechnetes Wirtschaftswachstum, das von diesen Investitionen ausgelöst werden sollte, sollte die Kredite zurück bezahlen. Wenn der Plan nicht aufging würde die gesamte Bevölkerung über Generationen hinweg dafür haften. Die Schulden würden den Geldgebern und damit letztlich den USA, jede Menge Hebel in die Hand geben, um dem jeweiligen Land eine Politik aufzuzwingen, die im Interesse der Korporatokratie wäre. Perfiderweise war es Perkins Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Plan zur Rückzahlung nicht aufging.
Beim Lesen war ich bereits mit dem antiken Athen und seiner Form von Demokratie vertraut. Dort gab es keine einsamen Entscheidungsträger, auf die man die skizzierten Methoden hätte anwenden können. Was, so begann ich mich zu fragen, wenn Perkins und seine Kollegen eben nicht einzelne Männer umgarnen und unter Druck setzen könnten sondern ein gelostes Gremium aus Bürgern überzeugen müssten? Ein Gremium, das keinen persönlichen Nutzen aus den Krediten ziehen würde, sondern die Konsequenzen zu tragen hätte, wie die übrige Bevölkerung eben auch? Ein Gremium auch, dass sich mit der Hilfe aus dem Ausland nicht an der Macht halten könnte, weil seine Amtszeit ohnehin sehr begrenzt wäre, ohne die Möglichkeit zu einer Verlängerung.
Ich bin überzeugt, wenn das die Form der Demokratie wäre, die allgemein anerkannt wäre, würde die Korporatokratie ins Leere laufen.
Perkins schildert in seinem Buch auch die Begegnung mit einem Mann, dem er große Bewunderung entgegen brachte, Omar Torrijos, der Präsident Panamas. Er durchschaute das Spiel und war entschlossen, es nur so weit mit zu spielen, wie es der eigenen Bevölkerung nutzte. Er wollte auch die Kontrolle Panamas über den Panamakanal erlangen, der damals vollständig unter US-amerikanischer Kontrolle stand, mit eingeschränktem Zugang der Panamesen zu ihrem Staatsgebiet. Außerdem wollte er die School of the Americas loswerden, in der die Kämpfer und Todesschwadronen ausgebildet wurden, die dann in Lateinamerika für Terror und Angst sorgten, um die Interessen des US-Kapitals voranzutreiben. Damit war er den US-Präsident Reagen ein Dorn im Auge, aber praktischerweise kam er 1981 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ebenso wie kurz zuvor Jaime Roldós, Präsident von Ecuador.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass beide aus dem Weg geschafft wurden, weil sie imperialen Interessen im Weg standen, und dass US-Geheimdienste dabei ihre Finger im Spiel hatten, ebenso wie z.B. beim Sturz Salvador Allendes in Chile oder Mohammad Mosaddeghs im Iran sowie zahllosen weiteren gelungenen wie gescheiterten Versuchen, unliebsame Politiker einfach zu beseitigen. Nicht alle davon waren integre Volkshelden, die mutig für ihre Bevölkerung und gegen koloniale Fremdbestimmung kämpften, aber alle standen den Interessen einflussreicher Gruppen im Wege.
US-Präsident Trump hat den venezoelanischen Staatschef entführen lassen. Seine Stelle hat seine Vizepräsidentin, Delcy Rodríguez eingenommen. Trump drohte ihr, dass ihr und Venezuela ein schlimmeres Schicksal drohe, falls sie nicht tue, was er wolle. Staatliche Schutzgelderpressung wäre wohl ein passendes Wort dafür, und das nicht nur gegenüber Venezuela sondern auch diversen anderen lateinamerikanischen Staaten wie Kolumbien, Mexiko und Kuba. Deren Staatschefs müssen sich nun gut überlegen, welches Risiko sie auch persönlich eingehen wollen, und sie müssen entscheiden, ob sie ihr Land lieber der Plünderung aussetzen oder es dem Risiko eines blutigen Krieges aussetzen wollen.
Aber was, wenn die Entscheidungen nicht von Staatschefs getroffen würden, die man entführen, ermorden oder bedrohen kann? Deren Ruf man ruinieren kann, um die Intervention als „Befreiung“ zu legitimieren? Wenn die Entscheidung von ständig wechselnden Bürgerräten getroffen würde, wären politische Morde keine Option mehr. Natürlich kann man solchen Gruppen immer noch mit Sanktionen oder Krieg drohen, Konsequenzen, die eben eine ganze Bevölkerung betreffen. Es dürfte aber sehr viel schwieriger sein, das zu legitimieren, und es ist so nicht möglich, heimlich und im Hintergrund die Fäden zu ziehen.
Mal ganz abgesehen davon, dass die USA selbst, würden ihre Entscheidungen von rotierenden, gelosten Gruppen von Bürgern getroffen, vermutlich statt 800 Militärbasen lieber kostenlose Universitäten und ein öffentliches Gesundheitssystem unterhalten würde.
Bianca Schubert
- John Perkins, Bekenntnisse eines Economic Hit Man, deutsche Ausgabe Riemann Verlag, München 2005, ISBN: 978-3-570-50066-8 ↩︎
- Als Korporatokratie bezeichnet Perkins eine lockere Allianz aus Konzernen, Banken und Regierungen, die in zusammen nach der Weltherrschaft streben. Ausdrücklich unterstellt er hier keine Verschwörung, sondern einfach ein System, das auf gemeinsamen Interessen beruht. ↩︎